Achtsamkeit
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Achtsamkeit ist ein schwieriger Begriff. Er wird nur allzu gern verwendet im dem reduzierten Sinne, dass ich entscheide etwas auf eine bestimmte Art und Weise zu tun. Mach es achtsam, das heißt oft soviel wie, trage es vorsichtig, genieß es, lese es langsam. Ich esse achtsam - also kaue ich vielleicht länger, schmecke bewusster und bin mir des Essens sehr bewusst. Das könnte so klingen, als kann ich mich immer entscheiden, ganz frei, wann ich achtsam bin und wann nicht. Sanft oder hart, schnell oder langsam, grob oder sanft, sobald ich um die Option weiß, kann ich wählen. Aber so einfach ist es in der Realität nicht, denn diese Freiheit fehlt oft. Stattdessen saugt uns eine Beobachtung, eine Gedanke, ein Gefühl, ein Geräusch oder ein anderes Phänomen geradezu an, verändert die Art in der wir handeln und wir können uns nicht davon lösen. Wir essen also, aber mit einem getrübten Bewusstsein darüber, was wir tun - abgelenkt, nicht bei der Sache und im Extremfall sogar völlig unbewusst. Dann sind wir gebunden, haften oder sind geradezu “in einen Bann” gezogen von etwas, dass mit der aktuellen Handlung gar nichts zu tun hat. Achtsamkeit ist die Fähigkeit, etwas ungetrübt, klar, bewusst, präsent und mit völliger geistiger Wachheit wahrzunehmen. Achtsamkeit ist wie körperliche Kraft, Flexibilität, Reaktionsschnelligkeit oder Kondition eine Fähigkeit die ich anwende, weil ich sie in einer bestimmten Ausprägung habe. Wenn ich reaktionsschnell bin, dann fange ich das vom Tisch kippende Glas bevor es fällt oder bremse, bevor ich dem Vordermann ins Heck fahre. Wenn ich mit ausgeprägter Achtsamkeit lebe, dann wird mir bewusst, dass ich an einem Gedanken oder einer Idee hafte, die mir nicht gut tut, dann merke ich dass ich müde bin und dann sind mir die inneren Antreiber und Impulse klar, die mich dazu antreiben etwas über meine Grenzen hinweg zu ertragen. Bewusster Leben, das ist doch ein häufig formulierter Wunsch, er führt dazu, das wir häufiger ins Theater gehen, die Natur aufzusuchen, gesünder Essen usw. Es sind Entscheidungen, die jeder treffen kann. Achtsamkeit aber ist viel grundlegender. Achtsamkeit im engeren Sinne führt dazu, dass ich bewusster lebe. Immer. Auf dem Weg zur Arbeit im öffentlichen Nahverkehr, im Gespräch mit der Verkäuferin, während der schon tausendfach wiederholten Handgriffe bei der Arbeit, beim Warten an der Kasse, beim Spielen mit meinen Kindern. Eine hohes Maß an Achtsamkeit verändert nicht das Leben in zwei oder drei Momenten in der Woche, sondern in jedem Moment. Und warum?
Weil ich mich mit ausgeprägter Achtsamkeit nicht verliere in Bewertungen, festsetze in Anhaftungen, verirre in Grübelschleifen, ablenken lasse von den vielen Impulsen meines Geistes oder versande in einem unbewussten Aneinanderreihen von Aktivitäten ohne, dass diese mich als wahrnehmbare Erlebnisse durchdringen.
Genauso wie unsere anderen Fähigkeiten, trainieren wie Achtsamkeit möglicherweise im Alltag, sie lässt sich aber auch in einem Achtsamkeitstraining viel gezielter, effektiver und bewusster kultivieren.